Ein Interview mit Dr. Hannöver, Diplom- Psychologe am Institut für Medizinische Psychologie an der Universität Greifswald. Die Fragen stellte Dr. Renate Leis, Frauenärztin.
Herr Dr. Hannöver, Sie haben im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit eine Studie zum Rauchen bei Wöchnerinnen in unserer Region durchgeführt. Können Sie uns kurz etwas zu Ihrer Untersuchung sagen?
Das Studienteam bestand aus Julia Grempler, Kathrin Röske, Jochen René Thyrian und mir. Antragsteller der Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Sozialministerium gefördert wurde, waren Prof. Ulrich John und Dr. Ulfert Hapke vom Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der EMAU Greifswald. Wir haben über einen Zeitraum von einem Jahr auf den Wöchnerinnenstationen in Demmin, Greifswald, Neubrandenburg, Rostock UFK, Rostock Süd und Stralsund, Wöchnerinnen, die vor oder während der Schwangerschaft geraucht haben, zur Teilnahme an unserer Studie aufgefordert. Trotz der ungünstigen Umstände – fremde Personen einer Hochschule bitten am Wochenbett um die Teilnahme an einer Studie zu dem sensiblen Thema Rauchen – haben über 80 % der angesprochenen Frauen sich bereit erklärt, an der Studie teilzunehmen. Das ist m.E. ein Zeichen dafür, dass das Thema Rauchen durchaus nicht auf taube oder unwillige Ohren stößt. Rund vier Wochen nach den Kontakten auf der Wöchnerinnenstation haben wir die (zufällig ausgewählte) Hälfte der Frauen bei sich zu Hause aufgesucht und mit Ihnen ein Gespräch zum Thema Rauchen geführt. Inhalte des Gesprächs waren einerseits , Möglichkeiten der Rückkehr zum Rauchen vorzubeugen, andererseits die Geburt zum Anlass zu nehmen, um das Rauchen aufzugeben. Bei der Beratung hielten wir uns so nah wie möglich an den Möglichkeiten und Wünschen der Frauen. Es ging darum, mit den Frauen die individuell wahrgenommenen Vor- und Nachteile des Rauchens zu erarbeiten, das Selbstvertrauen ohne Zigaretten zu leben zu stärken und konkrete Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Wo Bedarf danach bestand, haben wir den Frauen auch Informationen über das Tabakrauchen und dessen Auswirkungen af den eigenen und den Körper des Babys vermittelt. In halbjährlichen Abständen haben wir die Frauen zu der weiteren Entwicklung bzgl. des Rauchens am Telefon befragt. Nach sechs und zwölf Monaten hatten weniger von den beratenen Frauen wieder angefangen zu rauchen, als in der Gruppe der Frauen, die nicht beraten wurden. Unter dieser Perspektive und unter dem Aspekt der breiten Erreichbarkeit war das Projekt ein Erfolg. An dieser Stelle ist es mir ein besonderes Anliegen, mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen, den kooperierenden Krankenhäusern und dem dortigen Stationspersonal, vor allem aber bei den Frauen, die an unserer Studie teilgenommen haben, ganz herzlich zu bedanken.
Aus der täglichen Praxis wissen wir, dass gerade die Zahl jugendlicher Raucher zunimmt. Welchen Gefahren setzen sich diese Menschen aus?
Das Tabakrauchen ist ein Risikofaktor für eine ganze Reihe von Erkrankungen .So sind die Risiken für Krebserkrankungen, vor allem der oberen und unteren Atemwege, der Lungen aber auch des Mund-Rauchenraums bei Rauchern im Vergleich zu Nichtrauchern deutlich erhöht. Bei Frauen sind ebenfalls erhöhte Risiken für Zervikal- und Brustkrebs zu beobachten. Dann ist natürlich das Tabakrauchen ein massiver Risikofaktor für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems und für Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege (Stichwort COPD). Zusammengefasst stellt das Tabakrauchen eine einzelne vermeidbare Verhaltensweise dar, die das größte Gesundheitsrisiko mit sich bringt. Heranwachsende und Jugendliche können darüber hinaus von Wachstumsstörungen betroffen sein. Für diese Gruppe ist es unseren Erfahrungen nach ebenfalls wichtig zu wissen, dass durch die mit dem Rauchen verbundenen Durchblutungsstörungen unter Umständen zu Potenzproblemen oder Impotenz führen können.
Rauchen gilt im täglichen Leben oft als chic. Werbung, Film und Fernsehen präsentieren „coole Typen“ als Raucher. Wir Ärzte wissen aber, dass Rauchen nicht nur gesundheitsschädigend ist, sondern auch süchtig machen kann. Ab wann spricht man beim Raucher von Suchtverhalten?
Das ist recht einfach zu beantworten, wenn man die internationale Klassifikation für Erkrankungen (die ICD-10) heranzieht. Danach wird ein Abhängigkeitssyndrom diagnostiziert, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien gemeinsam mindestens einen Monat lang bestanden haben oder, falls sie nur kürzer bestanden haben, in den letzten zwölf Monaten wiederholt beobachtet wurden:
starkes Verlangen zu rauchen
verminderte Kontrolle über Beginn oder Beendigung und der Menge des Rauchens
körperliches Entzugssymptom bei Reduktion oder Vermeidung des Rauchens, auch Verbesserung der Entzugssymptomatik nach erneutem Rauchen
Toleranzentwicklung (d.h. zu Erreichung der gleichen Effekte muss eine größere Anzahl an Zigaretten geraucht werden)
fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessensbereiche zugunsten des Rauchens oder der Beschaffung von Zigaretten
fortgesetzter Konsum trotz bereits eingetretener Folgeschäden und Kenntnis der Art und des Ausmaßes der Folgeschäden.
Sicherlich ist das in der Praxis nicht immer so einfach einzuordnen wie im Rahmen wissenschaftlicher Studien. Als grober Anhalt kann daher die Regelmäßigkeit des Rauchens dienen. Da eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Anzahl der Zigaretten und dem Erkrankungsrisiko besteht, gibt es bei Zigaretten keinen sicheren Konsum – jede einzelne Zigarette schadet und ab einem Konsum von einer Zigarette täglich spricht man in der Literatur von einem Raucher. Als Selbsttest kann für Raucher bestimmt auch der Fagerström Test für Nikotinabhängigkeit interessant sein. Unter der Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) findet sich dieser Test mit einer Auswertung Online, d.h. nach weniger als einer halben Minute hat man eine Einschätzung über den Grad der Abhängigkeit. Bei dieser Gelegenheit könnten Raucher ja vielleicht gleich an dem Ausstiegsprogramm der BZgA beteiligen? Der Link zum Test ist: http://www.rauchfrei-info.de/index.php?id=6
Rauchende Frauen gefährden in der Schwangerschaft nicht nur sich, sondern auch das ungeborene Baby. Welche gesundheitlichen Probleme sind beim Ungeborenen zu erwarten?
Hier ist die Liste leider lang und eine Einteilung ist nötig. Das sind: 1. pränatale Risiken 2. perinatale Risiken 3. postnatale Risiken Pränatal bestehen erhöhte Risiken für eine Eileiterschwangerschaft, vorzeitigen Blasensprung, vorzeitige Plazentaablösung, Fehlplazierung der Placenta und Fehlgeburt. Perinatal bestehen erhöhte Risiken für Früh- oder Totgeburt, Versterben unter oder kurz nach der Geburt, geringes Geburtsgewicht und geringe Körpergröße sowie Fehlbildungen. Für Fehlbildungen ist die Datenlage noch uneinheitlich. Als gesichert kann angenommen werden, dass bei entsprechender Disposition ein erhöhtes Risiko für die Bildung von Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten besteht. Postnatal entstehen durch den Tabakrauch in der Atemluft erhöhte Risiken für Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen, verringerte Lungenfunktion, Verschlechterungen von bestehendem Asthma, plötzlichen Kindstod, Leukämie und Lymphome im Erwachsenenalter. Diese Liste ist, ebenso wie die der Folgen des Rauchens generell, konservativ ausgewählt. Nur Befunde aus guten großen epidemiologischen Untersuchungen wurden hier einbezogen. Viele Einzelbefunde, die mit den Folgen des Rauchens bzw. Passivrauchens in Verbindung gebracht werden – etwa Übergewicht im späteren Erwachsenenalter, erhöhte Neigung zu Allergien oder ein Auftreten des Aufmerksamkeitsdefizits-, Hyperaktivitätssyndroms – sind hier nicht berücksichtigt, obwohl sich auch hier die Befundlage festigt.
Ein häufiges Argument von Schwangeren; nicht mit dem Rauchen aufzuhören, ist das Nikotinentzugssyndrom beim Ungeborenen. Welchen Rat können Sie diesen Patientinnen geben?
Zu diesem Punkt haben wir besonders gewissenhaft recherchiert, weil uns immer wieder Frauen davon berichteten, dass sie diesen Rat von Ihrem Gynäkologen / ihrer Gynäkologin bekommen haben. Weder in der internationalen und nationalen aktuellen Literatur, noch in Lehrbüchern ist Entsprechendes zu finden. Ebenso bestätigten uns alle Chef- bzw. Oberärzte, die wir dazu fragten, dass die Risken des fortgesetzten Rauchens in der Schwangerschaft die des fötalen Entzugs bei weitem überstiegen. Ein Oberarzt hat diese Aussage als sehr ärgerlich und gefährlich bezeichnet. Der Rat hier ist ganz eindeutig. Sobald als möglich und komplett mit dem Rauchen aufhören ist die beste Lösung - und nach Möglichkeit nie wieder damit anfangen.
Oft erleben wir bei unseren Schwangeren, dass die Patientin selbst zwar nicht oder nicht mehr raucht, der Partner oder andere Familienmitglieder aber um so stärker. Stellt das passive Rauchen der Schwangeren auch eine Gefährdung des Babys dar?
Ja, und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens gilt auch hier: das Baby raucht mit. Auch passiv. Zweitens machen rauchende Partner oder Familienmitglieder den Schwangeren das Aufhören schwerer als es ohnehin ist. Idealer weise nehmen sich alle in der Familie die Schwangerschaft und Ankunft des Babys als Anlass, mit dem Rauchen aufzuhören. Gelingt das nicht, sollte jedenfalls dringend darauf geachtet werden, dass nirgendwo in der Wohnung des Kindes geraucht wird, sondern immer nur außerhalb der Wohnung.
Was raten Sie Frauen, die vor oder während der Schwangerschaft aufhören wollen zu rauchen? Wie können Sie das schaffen, wo finden Sie Unterstützung?
Leider gibt es keine Patentlösungen oder Allheilmittel. Und leider ist es nicht einfach mit dem Rauchen aufzuhören. Aber fast alle Frauen berichten darüber, dass sie es schon einmal, wenn auch nur über kürzere Zeit geschafft haben. Das ist die beste Botschaft, nämlich, dass sie es schon einmal geschafft haben und auch wieder schaffen können. Fast alle Frauen haben auch eine Freundin oder Bekannte, die es schon geschafft hat. Hierher und aus den eigenen Erfahrungen kommen die besten Empfehlungen, was hilft. Zudem zeigen die vielen Frauen, die erfolgreich waren, dass es geht. Hilfe sollte von überall her angenommen und wenn nötig eingefordert werden. Hier ist in starkem Maße der Partner und die Familie gefordert. Sehr gute Anlaufstationen sind immer die behandelnden Ärzte, ob es nun die Hausärzte oder die betreuenden Frauenärzte sind, die mit Rat und Tat bereitstehen und die betreuenden Hebammen, die mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten helfen. Es gibt auch Selbsthilfematerialien, etwa der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Nicht zuletzt sind noch die Rauchertelefone bei der BZgA (01805 31 31 31 z.Zt. 12 ct / Minute) und am deutschen Krebsforschungszentrum (0 62 21 / 42 42 00) zu nennen.
Herr Dr. Hannöver, ich danke Ihnen herzlich für das Interview