22.04.2015

Fortbildung "Chronische Wunden und multiresistente Erreger in der Arztpraxis" brachte rege Diskussionen

Wie lassen sich schnellere Behandlungserfolge bei chronischen Wunden erzielen? Wie kann die Patientensicherheit erhöht werden, vor allem auch wenn multiresistente Erreger (MRE) mit im Spiel sind?

Das Grypsnet-Ärztenetz und HICARE hatten Ärzte und Pflegedienste der Region eingeladen, sich zu diesen Fragen auszutauschen.

Die teilnehmenden Hausärzte und Pflegedienste diskutierten rege über Therapien und Kosten sowie die Praktikabilität von Leitlinien im ambulanten Bereich. Einig waren sie sich mit den Referenten darüber, dass eine multiprofessionelle Zusammenarbeit in der Region wünschenswert ist. Die Idee, ein regionales MRE-Netzwerk aufzubauen, fand dementsprechend große Zustimmung und Interesse.

Enge Zusammenarbeit bringt Erfolge

Zunächst berichtete Dr. med. Degenhard Friszewsky, Chirurg und Praktischer Arzt, von seinen Erfahrungen aus vier Jahren Wundmanagement im Ueckermünder Ärztenetz: Dank enger Zusammenarbeit mit Pflegediensten, Hygiene und Physiotherapeuten konnten im HaffNet wirkungsvolle Methoden zur Wundbehandlung etabliert werden. 

In einem kürzlich abgeschlossenen HICARE-Projekt (MERACLE – Studie) haben die vier Wundpraxen des netzeigenen MRE-Qualitätszirkels beachtliche Erfolge beim Screening und bei der Sanierung von Patienten mit MRSA-besiedelten Wunden erzielt: Bei 123 behandelten Patienten wurde in 74% der Fälle ein Wundverschluss erreicht. Hierzu ergänzte man etablierte Behandlungspfade um ein standardisiertes Hygiene- und Dekolonisierungsregime mit einem Polihexanid-basierten Sanierungsprotokoll.

Dr. Friszewsky warb dafür, jede chronische Wunde individuell zu betrachten und bei der Suche nach einer geeigneten Behandlung auch althergebrachte Heilmittel wie Manuka-Honig oder moderne Vacuum-Therapie und Low-Level-Laser zu prüfen. Mit allen drei Methoden konnte er bereits Wunden verschließen. 

Ganzheitliche Betrachtung wichtig

Soziale Faktoren haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Wundheilung, ebenso können einige Medikamente wie z.B. Neuroleptika und Antirheumatika den Wundverschluss behindern. Wundpatienten sollten daher immer in ihrer Ganzheitlichkeit betrachtet werden, so das Fazit der AOK-Wundschwester Lydia Troff aus ihrer jahrelangen Erfahrung im Umgang mit Wunden und geriatrischen Patienten.

In ihrem Vortrag zur hydroaktiven Wundversorgung stellte sie neben den Wundheilungsphasen und –einflussfaktoren auch die „Ampelliste“ der AOK vor: Darin enthalten sind Preisinformation zu modernen Wundverbänden, im Vergleich Kosten pro Stück1.

Lokale Antiseptik als Antibiotika-Alternative

Wo und wie kann eine richtig dosierte Hygiene zum Erfolg einer Wundbehandlung beitragen? Dieser Frage ging PD Dr. med. habil. Nils-Olaf Hübner, M.sc., Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, in seinem Vortrag nach.

Er führte aus, dass chronische Wundpatienten immer eine hygienische Herausforderung sind und es Hauptaufgabe der Hygiene sein sollte, hier durch Prävention eine Kolonisation mit multiresistenten Erregern zu unterbinden bzw. mittels gezielter Antiseptik eine Infektion zu verhindern: Im Schnitt tragen 20% der chronischen Wundpatienten MRSA2, jedoch nicht immer auf der Wunde. Häufig kann dann mit guter Hygiene eine Besiedlung der Wunde noch verhindert werden. 

 

Dr. Hübner gab den Anwesenden drei zentrale Empfehlungen mit auf den Weg:

Lokale Antiseptik kann die Heilung unterstützen und ist eine verträgliche und resistenzfreie Alternative zu lokalen Antibiotika.

Schlecht heilende Wunden gehören früh in Fachärztliche Betreuung.

Als günstig haben sich interdisziplinäre Wundteams erwiesen, um die verschiedene Aspekte zu berücksichtigen.

Abschließend verwies er noch auf die AWMF – Leitlinie3 zu Wundversorgung und Verbandwechsel und auf den Überleitungsbogen für MRSA-Patienten4.

 

Neuer Beratungsservice im Grypsnet

Der Umgang mit multiresistenten Erregern war Thema in Dr. Hübners zweitem Beitrag des Abends. Im Grypsnet-Ärztenetz wird derzeit ein Spezialist für die Beratung zu Hygiene und Infektiologie „MRE-Experte“ als gemeinsamer Konsiliarservice etabliert. 

Ab Mai können sich Grypsnet-Mitglieder telefonisch oder per E-Mail an den Expertenpool des IMD Labors Greifswald wenden: Die dortigen Fachärzte und Fachmediziner für Hygiene, Umweltmedizin und Mikrobiologie beraten im Einzelfall zu Management, Diagnostik und Therapie von multiresistenten Erregern.

Parallel dazu wird bis zum Sommer wird einen Online-Wissensdatenbank auf www.grypsnet.de aufgebaut, mit Daten und Handlungsempfehlungen für die Arztpraxis sowie für Patienten und deren Angehörige.

 

Regionale Vernetzung eingefordert

Der „MRE-Experte“ ist ein erster Schritt in Richtung regionale Zusammenarbeit und könnte Bestandteil eines multiprofessionellen MRE-Netzwerkes in der Region werden.

Die Teilnehmer des Vortragsabends sahen großen Bedarf an einer Abstimmung von Patientenwegen in Diagnostik und Therapie, am Austausch von Informationen zu Behandlungsansätzen und an einer gemeinschaftlichen Umsetzung der gesetzlich erforderlichen Hygienestandards. Grypsnet wird diese Themen in kommenden Veranstaltungen aufgreifen.

 

2 MRSA= methicillinresistenter Staphylococcus aureus

3 AWMF – Leitlinie Nr. 029/042: „Anforderungen der Hygiene bei chronischen und sekundär heilenden Wunden“ HygMed 2014